Geschichte der Festival Strings Lucerne

Gründungskonzert im Kunsthaus Luzern; 1956

Die Festival Strings Lucerne wurden am 26. August 1956 mit einem Monate zuvor schon weithin annoncierten Inaugurationskonzert im Rahmen der Internationalen Musikfestwochen Luzern (IMF Luzern) gegründet. Die Initiative ging vor allem von drei Personen aus: Rudolf Baumgartner, dem späteren langjährigen künstlerischen Leiter des Ensembles (bis 1998), dem Geiger Wolfgang Schneiderhan sowie von Walter Strebi, der bereits der Gründung des Luzerner Konservatoriums (1942) den Weg geebnet hatte und Mitte der 1950er Jahre unter anderem Präsident der IMF Luzern (heute: Lucerne Festival) war.

Rudolf Baumgartner; 1968

Rudolf Baumgartner (1917 – 2002) war ein Schüler der ungarischen Geigerin Steffi Geyer, die aus der Schule Jenő Hubays stammte und ab 1941 unter Paul Sacher Konzertmeisterin des Collegium Musicum Zürich gewesen war. Baumgartner leitete neben seiner Tätigkeit für die Festival Strings Lucerne von 1960 bis 1987 das Luzerner Konservatorium und war von 1970 bis 1980 künstlerischer Direktor der IMF Luzern.

Wolfgang Schneiderhan; 1959

Wolfgang Schneiderhan (1915 – 2002) gilt als bedeutendster Geiger Österreichs seiner Generation, war vor seinen grossen solistischen Erfolgen 1. Konzertmeister der Wiener Philharmoniker (1938 – 1950), leitete seit 1948 als Nachfolger Carl Fleschs und Georg Kuhlenkampffs die Meisterklasse für Violine am Luzerner Konservatorium und bildete zusammen mit dem Pianisten Edwin Fischer und dem Cellisten Enrico Mainardi ein legendäres Klaviertrio.

Die Namensgebung war eine Idee Rudolf Baumgartners: «Das war meine Idee. Wir suchten einen Namen, der nicht übersetzt werden muss, wenn wir in anderen Ländern konzertieren. Die Verbindung zu Luzern, zu den Musikfestwochen, sollte darin enthalten sein und auch der Begriff Streichorchester. So ist ‚Lucerne Festival Strings‘ oder ‚Festival Strings Lucerne‘, je nachdem, wo wir konzertieren, die knappste Formel, die wir finden konnten.»¹

Rudolf Baumgartner, Sándor Veress und der junge Heinz Holliger; 1961

Im Gründungskonzert spielten die 13-köpfigen Festival Strings Lucerne ein reines Barock-Programm unter der Leitung des Konzertmeisters Rudolf Baumgartner und – neben Baumgartner – mit dem Solisten Wolfgang Schneiderhan. Im Gegensatz zu den in Europa tonangebenden italienischen Kammerorchestern der Zeit wie I Musici di Roma oder I Virtuosi di Roma wurden aber sehr schnell auch Werke der Romantik, der klassischen Moderne und Neue Musik in die Programme eingebunden. Vor allem im Bereich der Neuen Musik machte sich das Ensemble im Rahmen von Lucerne Festival einen Namen, indem es auf Initiative von Rudolf Baumgartner hin ab 1959 (bis 1970) exklusiv die «musica nova»-Reihe des Festivals betreute. So zeichnete das Ensemble bald für zahlreiche Uraufführungen von Komponisten wie Frank Martin, Jean Françaix, Bohuslav Martinů, Krzystof Penderecki, Sándor Veress, Heinrich Sutermeister, Klaus Huber oder Iannis Xenakis verantwortlich.

Bei der Premiere im Wiener Musikverein; 1958

Im Anschluss an das Luzerner Gründungskonzert, welches allgemein ein enthusiastisches Presseecho ausgelöst hatte («Mit hochgespannten Erwartungen hatten wir dem ersten Auftreten der Festival Strings Lucerne entgegengesehen – aber ein Debüt auf so hoher Stufe hatten wir nicht für möglich gehalten» ²) begann eine rege Tourneetätigkeit, die das Ensemble bereits im darauffolgenden Sommer zu den Salzburger Festspielen, 1957 zudem noch nach Berlin, im Januar 1958 in den Wiener Musikverein und im Mai 1958 nach Paris (Salle Gaveau) führte. Wolfgang Schneiderhan hatte bereits in der Gründungsphase den Kontakt zur Deutschen Grammophon hergestellt, die das Ensemble unter Vertrag nahm und über reine Aufträge für Schallplattenaufnahmen hinaus in den ersten Jahren finanziell unterstützte.

Bei Schallplatten-Aufnahmen mit Pierre Fournier; 1967

Die frühesten Produktionen waren Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, Henry Purcell und Giovanni Battista Pergolesi gewidmet. Die Deutsche Grammophon veröffentlichte in den 1950er Jahren aber auch Aufnahmen von Ottorino Respighis Zyklus mit Gesang «Il Tramonto» oder eine Aufnahme der «Fünf Stücke für Streichorchester» von Paul Hindemith sowie unter Hinzuziehung von Bläsern Aufnahmen von Klavierkonzerten Mozarts. Ein wichtiges Kapitel der frühen Schallplattengeschichte war die Tätigkeit für die Archiv-Serie der Deutschen Grammophon, des «musikhistorischen Studios der Deutschen Grammophon Gesellschaft», die in der Frühzeit der Wiederentdeckung historischer Spielpraktiken Schallplattengeschichte schrieb in der Erstveröffentlichung von Werken vergessener oder kaum mehr bekannter Komponisten vor allem des Barock. Als Beispiel sei hier eine 1957/1958 entstandene Produktion genannt, die mit den Solisten Aurèle Nicolet, Wolfgang Schneiderhan und Enrico Mainardi Guiseppe Tartini «wiederentdeckte». Neben zahlreichen Aufnahmen für die Deutsche Grammophon produzierte das Ensemble in der Ära Baumgartner für Labels wie Decca, Ariola-Eurodisc und Denon. Eine erste Aufnahme von Dvořáks grosser Streicherserenade in E-Dur entstand 1976 für Ariola-Eurodisc.

Bei Proben mit Yehudi Menuhin; 1957

Zu den Solisten, die in den ersten Jahren des Bestehens mit dem Ensemble auftraten, gehörten die Geiger Yehudi Menuhin, David Oistrakh, Arthur Grumiaux, Christian Ferras, Zino Francescatti, Henryk Szeryng, die Cellisten Pablo Casals, Pierre Fournier, Enrico Mainardi und André Navarra, die Pianisten Clara Haskil, Mieczyslaw Horszowski und Wilhelm Kempff, die Flötisten Aurèle Nicolet und Jean-Pierre Rampal sowie Heinz Holliger und Dietrich Fischer-Dieskau.

Südamerika-Tournee, Ankunft in Buenos Aires; 1975

Die erste Überseetournee unternahm das Ensemble 1959. Sie führte in die USA, nach Kanada und ins revolutionäre Kuba. 1962/1963 reiste man bereits ein zweites Mal in die USA, 1971 erstmals nach Japan, 1973 nach Israel, 1975 nach Südamerika, 1977 erstmals nach Australien wie auch Neuseeland und 1984 hinter die «Grosse Mauer» in die kommunistische Volksrepublik China mit Konzerten in Beijing und Guangzhou.

Die Festival Strings Lucerne vor dem Konservatorium Luzern; 1976

Keimzelle und Arbeitszentrum des Ensembles war von Beginn an das Konservatorium Luzern, die heutige Hochschule Luzern – Musik, oberhalb von Luzern mit herrlichem Blick auf den Vierwaldstättersee gelegen, an dem die Gründer beide tätig waren und mit dem sich der künstlerische Leiter Rudolf Baumgartner 1960 noch enger verband, indem er zum Direktor ernannt worden war. In das Jahr 1960 fällt auch die Übernahme eines offiziellen Patronats durch die Stadt Luzern.

Erst 1986, im Jahr des dreissigjährigen Bestehens, erhielt das Ensemble dann auch die lang ersehnte finanzielle Absicherung durch Zusicherung von Kanton und die Stadt Luzern, die Institution Festival Strings Lucerne von nun an regelmässig und strukturell fördern zu wollen: «Der Kanton Luzern ist in höchstem Masse daran interessiert, dass die FESTIVAL STRINGS LUCERNE als ein Kammerorchester von Weltrang fortbestehen. Neben der künstlerischen Bedeutung stellt dieses Elite-Ensemble in einer willkommenen Nebenwirkung einen exzellenten, weltweit wirkenden Werbeträger dar.»³

Im Anschluss an die Ankündigung löste Rudolf Baumgartner sein Versprechen ein, mittels einer grosszügigen Schenkung von wertvollen Violinen aus Privatbesitz, seiner 1956 erworbenen «Ex Hämmerle» Stradivari von 1717, einer Andrea Guarneri von 1680 und einer Nicolò Amati von 1675 eine gemeinnützige Trägerstiftung, die «Stiftung Festival Strings Lucerne», zu begründen.

Über die Jahrzehnte blieben die Festival Strings Lucerne den IMF Luzern beziehungsweise Lucerne Festival eng verbunden. 1976 wurden sie erstmals auch als Opernorchester eingesetzt. Als Nachfolger auf der Position des Konzertmeisters etablierte sich über Jahrzehnte Gunars Larsens, der bereits als 25jähriger die Position übernommen hatte.

Die Festival Strings Lucerne mit Achim Fiedler; 1998

In den 1990er Jahren wurde die Nachfolgeregelung für die Position der künstlerischen Leitung virulent. Der in seinen Augen geeignetste Kandidat dafür begegnete Rudolf Baumgartner 1995. Er hatte als Jurymitglied des Dirigentenwettbewerbs im polnischen Katowice den damals 30jährigen deutschen Dirigenten und vormaligen Geiger Achim Fiedler kennengelernt. 1996 lud er ihn erstmals zu den Festival Strings Lucerne ein. In Ettiswil, einer Gemeinde im Kanton Luzern, leitete Fiedler am 19. Mai 1996 sein erstes Konzert mit den Festival Strings Lucerne. In den folgenden zwei Jahren vertiefte sich die Zusammenarbeit mit dem Ensemble immer mehr, bis er 1998 die künstlerische Leitung offiziell übernahm. Am 20. November 1999 dirigierte Rudolf Baumgartner ein letztes Mal die Festival Strings; im März 2002 verstarb er überraschend an seinem zweiten Wohnort (neben Zürich) in der Toskana.

Bislang hatte die Leitung der Festival Strings Lucerne unterstützt von einem Sekretariat allein in den Händen des künstlerischen Leiters gelegen. Über Jahrzehnte hatte Mia Niederöst mit grossem Geschick das Sekretariat geführt. Zusammen mit dem Wechsel hin zu Achim Fiedler wurde auch die Geschäftsleitung neu geregelt und im Jahr 2000 mit Samuel Steinemann erstmals ein hauptamtlicher Geschäftsführer eingestellt. Die Konzertzahlen stiegen schnell. Ausserdem wurde 2003 im neuen Luzerner Vorzeigekonzertsaal KKL eine eigene Konzertreihe begründet. Im 1840 Zuschauer fassenden grossen Konzertsaal finden seitdem alljährlich drei Saisonkonzerte statt.

Achim Fiedler mit Lawrence Power und Maxim Vengerov; 2006

Zusammen mit dem Anfang der 2000er Jahre neu gegründeten Münchner Label Oehms Classics wandten sich Fiedler und die Festival Strings Lucerne verstärkt wieder der Tonträgerproduktion zu. Den Startschuss lieferte die auf drei CDs ausgelegte Serie «Dialogue», originelle Gegenüberstellungen von Werken Johann Sebastian Bachs mit Kompositionen Arthur Honeggers oder auch Werken Steve Reichs und John Adams‘ sowie einer CD, die dem «Dialogue» Franz Schuberts mit Anton Webern gewidmet ist. 2006 entstand für Sony Classical eine Produktion mit Klavierkonzerten von Johann Sebastian Bach, die zusammen mit Martin Stadtfeld realisiert wurde und in Deutschland 2007 den wichtigen Branchenpreis ECHO Klassik erhielt. Mit einer lang geplanten grossen Jubiläumssaison und Gästen wie Maxim Vengerov oder dem Clown Dimitri beging man den 50. Geburtstag der Festival Strings Lucerne. 

Dirigiermeisterkurs bei Lucerne Festival, Leitung: Bernard Haitink; 2012

Seit 2009 ist Hans-Christoph Mauruschat in der Nachfolge Samuel Steinemann als Geschäftsführer tätig. 2012 folgte der Wechsel in der künstlerischen Leitung. Wie ganz am Beginn hat das Ensemble nun wieder einen künstlerischen Leiter, der gleichzeitig auch Konzertmeister ist: Daniel Dodds. Die Ensemblepolitik wird heute viel flexibler gehandhabt. So ging man im Frühjahr 2013 erstmals mit sinfonischem Repertoire auf grosse Deutschlandtournee. Keimzelle der Grossbesetzung sind die alljährlich an «LUCERNE FESTIVAL zu Ostern» stattfindenden Dirigiermeisterkurse unter der Leitung von Bernard Hatink. Auf besonderen Wunsch von Bernard Haitink sind es die Festival Strings Lucerne, die hier mit sinfonischem Repertoire von Beethoven-Sinfonien angefangen bis hin zu gross besetzter Sinfonik Debussys, Ravels und Bartóks betraut sind. So hat sich ein Stamm von festen Gastmusikern gebildet, der um die Kernbesetzung der Streicher herum ein grösseres Kammerorchester oder auch Sinfonieorchester zu bilden in der Lage ist.

Mit Hélène Grimaud bei Lucerne Festival am Piano; 2011

Neben der weltweiten Tourneetätigkeit sind die Festival Strings Lucerne in traditioneller Streich- oder Kammerorchesterbesetzung weiterhin regelmässig Gast des Lucerne Festival und hier zuletzt mit Hélène Grimaud, Daniel Hope und Angela Hewitt aufgetreten.

 

 

 

¹ Zitiert nach: Fritz Schaub: Festival Strings Lucerne 1956 – 1986; Festschrift, hrsg. von den Festival Strings Lucerne in Verbindung mit den Internationalen Musikfestwochen Luzern
² Zürcher Woche, 7. 9. 1956
³ Auszug aus dem Protokoll der Sitzung des Regierungsrates des Kanton Luzern vom 6. Mai 1986 (Protokoll Nr. 1056)