Presse in Luzern

Neue Luzerner Zeitung | 07.08.2015

Mit prominentem Karneval Start ins Jubiläumsjahr

Die Festival Strings Lucerne sind weiter im Aufwind: Mit einem neuen Programm und grösserer finanzieller Basis.

 

Diesen Sommer starten die Festival Strings Lucerne mit ihrer 60. Konzertsaison hinein ins Jubiläumsjahr 2016. Und diese führt, wie das eben veröffentlichte Programm für die kommende Saison zeigt, den Aufschwung weiter, den das Orchester zeigt, seit es ohne Dirigent und unter der künstlerischen Leitung von Konzertmeister Daniel Dodds spielt. Dafür standen in der letzten Saison 18 000 Besucher in weltweit rund 30 Konzerten, davon 6000 Besucher in Konzerten in Luzern.

Am Festival mit Aeschbacher

So ist das Tournee-Orchester in der Region zunehmend über die eigene Konzertreihe im KKL hinaus präsent. Dazu gehören in der kommenden Saison der neuerliche Auftritt am Osterfestival in Andermatt sowie Gastspiele in Zug und an den Seekonzerten Sempachersee.

Einen Akzent setzt gleich zu Beginn das Konzert im Rahmen von Lucerne Festival, dessen Osterausgabe die Strings letztes Jahr erstmals sogar eröffneten. So tritt das Kammerorchester noch vor dem Nachmittagskonzert am Festival (23. August) im Konzertsaal des KKL mit dem Klavierduo Tal & Groethuysen auf (18. August). Einen besonderen Leckerbissen verspricht Camille Saint-Saëns’ «Karneval der Tiere» mit Kurt Aeschbacher als Erzähler, der sich schon in Kinderprogrammen im KKL als träfer Fabulierer erwies.

Sinfonische Akzente in Luzern

In der eigenen Konzertreihe in Luzern führt das Orchester die Zusammenarbeit mit Arabella Steinbacher weiter, die ihm für seine Aufnahme von Mozarts Violinkonzerten glänzende Kritiken einbrachte. Steinbacher ist jetzt Solistin in einem Gipfelwerk der Gattung, nämlich Beethovens Violinkonzert in Kombination mit dessen erster Sinfonie sowie einem Auftragswerk des Luzerner Komponisten Christian Krebs (12. Mai).

Damit setzen die Strings den Weg fort, im Spiel ohne Dirigenten das Repertoire um grössere sinfonische Werke zu erweitern. Das zweite Beispiel ist Mozarts Es-Dur-Sinfonie: Sie vervollständigt die Aufführung der drei letzten Sinfonien Mozarts im ersten Luzerner Konzert mit Alison Balsom als Solistin in Haydns Trompetenkonzert (5. November). Solist im dritten Luzerner Konzert der Strings ist der Flötist James Galway (8. Januar).

Unter den Gastspielen in der Schweiz sticht der Auftritt im neuen Kunst- und Kulturzentrum in Lugano heraus. Auch bei seinen zahlreichen Auslandtourneen ziehen die Festival Strings den Radius in der kommenden Saison weiter. So sind neben Konzerten in Deutschland und Italien Tourneen nach Südamerika und Neuseeland geplant. Möglich machen diesen Erfolg auch namhafte Solisten wie etwa der Pianist Daniil Trifonov, der Oboist Albrecht Mayer oder der Geiger Renaud Capuçon.

Neue Basissubvention vom Kanton

Nach einer Durststrecke zeichnet sich zudem eine Entspannung der finanziellen Lage des Orchesters ab. Dieses war 2008 bei der Neuordnung der Kultursubventionen zwischen Stadt, Kanton und den Agglo-Gemeinden zwischen Stuhl und Bank gefallen und musste auch wegen des Rückzugs der Musikhochschule mit 160 000 Franken weniger Subventionen auskommen.

Seit diesem Jahr erhalten die Strings, wie Geschäftsleiter Hans-Christoph Mauruschat auf Anfrage bestätigt, nicht nur von der Stadt Luzern wie bisher 80 750 Franken, sondern auch vom Kanton neu wieder eine Basissubvention von 80 000. Das bedeutet allerdings keine Verdoppelung der Beiträge. Weil projektbezogene Beiträge des Kantons wegfallen, bleiben die Strings «im Verhältnis zu den übrigen namhaften Kammerorchestern der Schweiz immer noch nur in sehr geringem Masse subventioniert», sagt Mauruschat.

So deckt die Basisförderung von Kanton und Stadt bei einem Budget von 1 Million Franken – «nicht die allgemeinen Verwaltungskosten». Trotzdem ist Mauruschat froh, dass sich «sowohl Stadt als auch Kanton für den Erhalt des Kammerorchesters aussprechen und dafür einen Beitrag leisten». Dass der Kanton die Strings als neuen Budgetposten aufgenommen hat, ist wie ein vorgezogenes Jubiläumsgeschenk.

URS MATTENBERGER, urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

 

 

Neue Luzerner Zeitung | 28.05.2015

Sein Wiener Ton klingt bis heute nach

Jubiläum Der Geiger Wolfgang Schneiderhan würde heute 100 Jahre alt. Er gab Luzern mit den Festival Strings Impulse, die bis heute nachwirken, wie deren heutiger Geschäftsführer erläutert.

 

Der Meistergeiger Wolfgang Schneiderhan, der am 28. Mai 1915 in Wien geboren wurde und 2002 verstarb, war 1956 Mitbegründer der Festival Strings Lucerne: jenes Orchesters, dessen Geschicke heute Hans-Christoph Mauruschat (51) als Geschäftsführer lenkt. Mauruschat hatte die Geigenkoryphäe zwar nur einmal erlebt, 1988 in Berlin, als Schneiderhan über 70 war und nicht mehr auf der Höhe seines Könnens. Er spielte den Violinpart in Frank Martins «Magnificat», bei dessen Uraufführung er 1968 an den Luzerner Internationalen Musikfestwochen mitgewirkt hatte.

Aber ein Begriff war Schneiderhan Mauruschat lange zuvor, seit er zum Geburtstag alle Violinkonzerte von Mozart mit Schneiderhan und den Berliner Philharmoniker auf CDs geschenkt bekommen hatte. «Schneiderhan war damals zusammen mit Arthur Grumiaux die anerkannte Instanz für Mozart», meint der ausgebildete Geiger.

Schneiderhan war auch die Zugnummer der 1956 gegründeten Festival Strings Lucerne. Sein Spiel hatte den Schmelz des hellen, weichen Wiener Streicherklangs, den Mauruschat bis in technische Details des Vibrato und der Bogenführung erläutert. Und da die Geiger alle aus der gleichen Schule stammten, ergab sich ein einheitlicher, stark in der Wiener Tradition verankerter Klang.

Die Meisterkurse

Schon Jahre vor der Gründung der Festival Strings regte Schneiderhan Rudolf Baumgartner, seinen Schützling und Assistenten bei den Meisterkursen, zur Gründung eines Quartetts an. Baumgartner jedoch wollte ein Streichorchester, weil er wusste, dass es viel schwieriger ist, ein Quartett über eine längere Zeitdauer zusammenzuhalten. Also kam es zur Gründung des Kammerorchesters, das beim Debüt an den Internationalen Musikfestwochen als «Streicherensemble Wolfgang Schneiderhan» angekündigt und von Schneiderhan vom ersten Pult aus geleitet wurde.

Erst später machte der Name Festival Strings Lucerne auf die Internationalität und die Verbindung mit Luzern und seinem Festival aufmerksam die 13 Mitglieder stammten schon damals aus sechs Ländern. «Eigentlich sind wir heute wieder beim ursprünglichen Zustand angelangt», meint der Geschäftsführer. Auch die heutigen Festival Strings spielen nämlich ohne Dirigent. Sie werden vom Konzertmeister Daniel Dodds vom ersten Pult aus geleitet, und die 16 Musiker (die heutige Stammformation) kommen aus verschiedenen Ländern.

Tradition wirkt nach

Hat sich von der Spielkultur Schneiderhans noch etwas erhalten angesichts des Umstands, dass keine Mitglieder mehr direkt aus dieser Schule stammen? Mauruschat bejaht entschieden: «Immerhin ist Daniel Dodds Schüler von Gunars Larsens, der unter Baumgartner Konzertmeister war, und verschiedene Musiker wurden noch von Baumgartner ins Orchester aufgenommen.» Obwohl sich das Orchester verändert habe, so Mauruschat, habe sich die von Schneiderhan begründete Tradition eines süsseren und schöneren Klangs erhalten. Sie müsse man bewahren, sonst verliere das Orchester seine Identität.

Dass ein ganz neuer Schwung in das Orchester gekommen ist, stehe dem nicht entgegen. Bewusst habe man darauf verzichtet, ein Originalklang-Orchester für Barockmusik zu schaffen, sich aber auch nicht in die Schublade «Traditionsorchester» drängen lassen. Denn die Einflüsse der historischen Aufführungspraxis haben durchaus Eingang auch in das Orchester gefunden, etwa durch die Zusammenarbeit mit dem italienischen Barockgeiger Enrico Onofri, der als Konzertmeister und Violinsolist des Orchesters «Il Giardino Armonico» bekannt geworden ist. Onofri wiederum sei durch eine Aufnahme von Vivaldis «Vier Jahreszeiten» mit Schneiderhan und den Festival Strings auf die Barockmusik gestossen, wie Mauruschat nicht ohne Stolz bemerkt.

Der Wahlluzerner

Überhaupt war Schneiderhan keineswegs einseitig auf Klassik und Romantik ausgerichtet. Er hat auch sehr viel moderne Musik gespielt, unter anderem am Lucerne Festival, wo er freilich nicht nur als Solist Stammgast war. Er übernahm 1949 als Nachfolger der Meistergeiger Carl Flesch und Georg Kulenkampff die Meisterklasse für Violine des Konservatoriums. Er konzentrierte sogar seine Lehrtätigkeit ausschliesslich auf Luzern und unterrichtete selbst während des Jahres hier, soweit es seine Konzerttätigkeit zuliess. Sein pädagogisches Wirken mit den Festival Strings und im Rahmen der Meisterkurse legten mit den Grundstein für deren Weiterentwicklung bis hin zur heutigen Lucerne Festival Academy.

In Luzern wurde der Künstler im wahrsten Sinne des Wortes heimisch, wie 1980 anlässlich der Überreichung der Ehrennadel der Stadt Luzern festgehalten wurde. Schneiderhan reihte sich ein in die lange Reihe künstlerisch tätiger Menschen, die sich von der Stadt Luzern und der sie umgebenden Landschaft angezogen fühlten. In das Konservatorium auf Dreilinden war er regelrecht verliebt, es galt ihm als «das am schönsten gelegene Konservatorium der Welt!». Und als der mit ihm befreundete Walter Strebi, Mitbegründer der Musikfestwochen, starb, spielte Schneiderhan in der Matthäuskirche zu seinen Ehren so herzbewegend Bach, dass man es heute noch im Ohr hat.

Nagelprobe mit einem Wiener

Wie die Festival Strings Lucerne die auf Schneiderhan zurückgehende Wiener Tradition heute mit der hinzugewonnenen Flexibiliät auch in grösseren Besetzungen verbinden, zeigt übrigens ihr nächstes Konzert. Da spielt das Orchester in einer Besetzung mit gut dreissig Musikern Klavierkonzerte von Beethoven: Geleitet am Flügel von Rudolf Buchbinder, der 1951 (mit fünf) jüngster Student an der Hochschule für Musik wurde. Und das ebenfalls in Wien./p>

FRITZ SCHAUB, kultur@luzernerzeitung.ch

 

 

Neue Luzerner Zeitung | 04.04.2015

Trompetengold im Schneegestöber

Osterfestival Trotz Stau und Schnee: Das neue Klassikfestival in Andermatt wurde mit Glanz und Schwung standesgemäss eröffnet.

 

«Um Ostern ist Andermatt weder Fisch noch Vogel», lacht eine Konzertbesucherin aus dem Dorf: «Da ist jederzeit beides möglich. Es kann schon Frühling sein oder nochmals richtig Winter werden.» Dass am Samstag exakt zum Eröffnungskonzert des ersten Osterfestivals Andermatt sich der Winter mit anhaltendem Schneegestöber zurückmeldete, war für Einheimische also ganz normal. Nicht aber für die Konzertbesucher aus dem Unterland, für die die Fahrt ins Bergdorf auf verschneiter Strasse zur Rutsch- und Zitterpartie wurde.

Prickelnde Festivalstimmung

Einige erreichten die Kirche deshalb und wegen des Oster-Staus tatsächlich nicht. Wie durch ein Wunder war die Kirche dank dem leicht später angesetzten Konzertbeginn dann aber doch noch voll. Und für all jene, die es geschafft haben, hatte der dramatische Auftakt einen Vorteil: Er brachte die Leute miteinander ins Gespräch, machte sie zu einer Art verschworenen Gemeinschaft und schuf damit genau jene prickelnde Stimmung, die man sich von einem Festival verspricht.

Und diese angeregte Stimmung führte das Konzert mit musikalischen Mitteln weiter. Die Begrüssungsworte des Festival-Intendanten Jörg Conrad und die Moderation durch die Urner Fernsehfrau Sabine Dahinden blieben etwas förmlich angesichts des Schwungs und des Feuers, das da die Festival Strings Lucerne unter Konzertmeister Daniel Dodds entfachten.

Höhepunkte mit «Barockengel»

Da hörte man den peitschenden Sturm in Rossinis «Tell»-Ouvertüre wie einen Kommentar zur Wetterlage. Die Steigerung vom Cellosolo zu Beginn bis zum orchestralen Galopp am Schluss führt bereits die akustischen Qualitäten der Pfarrkirche vor, die dem Festival bis zur Eröffnung des Radisson Blu (mit Saal) als Konzertraum dient.

Dass die Kirchenakustik die Bläser begünstigte, rückte in Hummels bekanntem Trompetenkonzert den Stargast umso mehr in den Vordergrund. Reinhold Friedrich, in Luzern auch bekannt als Mitglied des Lucerne Festival Orchestra, trumpfte dennoch nicht nur mit stupender Akrobatik auf, sondern berührte im Mittelsatz mit warm singendem Ton. Höhepunkt des Programms freilich wurde Bachs zweites Brandenburgisches Konzert, in dem der «Barockengel» Friedrich (Dahinden) und das Orchester den ambitionierten Festivalanspruch gemeinsam einlösten: Der Trompeter setzte im Hochgeschwindigkeitsrausch virtuose Glanzlichter, die Solisten der Strings bewiesen in der intensiv ausgekosteten Klangrede (eine Entdeckung: die exzellente Flötistin Johanna Dömötör), dass sie den Namen Festival zu Recht im Namen führen. Ein populäres Programm, das auch nicht klassisch orientierte Konzertbesucher begeisterte, in hochkarätiger Darbietung: Standesgemäss abgerundet wurde das vom Publikum gefeierte Konzert durch Mozarts g-Moll-Sinfonie. Für das After-Concert (mit Cüpli und musikalischen Schmankerln von Kreisler und Gershwin) muste man dann aber wieder weite und verschneite Wege ins prestigeträchtige Hotel Chedi unter die Füsse nehmen.

Festival als Treffpunkt?

Das erinnerte wieder daran, dass sich das Festival in einer Pionierphase befindet, in der noch nicht alles reibungslos planbar ist. Immerhin finden die nächsten After-Concerts auch in Hotels nahe der Kirche statt und gibt es Winterentwarnung. Aber grundlegend ändern dürfte sich das erst mit einem Konzertsaal oder wenn sich das Resort mit Leben und potenziellen Festivalbesuchern füllt.

Denn obwohl viele Appartements verkauft seien, nehme man deren Käufer oder Bewohner nicht wahr, meinte eine Dorfbewohnerin. Gut möglich, dass sich Alteingesessene und Gäste dereinst wenigstens am Festival treffen: Auch die Johannespassion am gestrigen Karfreitag (eine Wiederholung mit den Luzerner Singknaben und dem Collegium Musicum Luzern) bescherte wie meistens ähnliche Kirchenkonzerte in Andermatt – dem Festival eine volle Kirche.

URS MATTENBERGER, urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

 

 

Neue Luzerner Zeitung | 27.02.2015

Festival Strings greifen nach dem Olymp

Klassik Die Festival Strings Lucerne präsentierten sich als ausgewachsenes Sinfonieorchester. Dank einem Topsolisten und einem grossen sinfonischen Werk.

 

Gibt es neben dem Luzerner Sinfonieorchester (LSO) bald ein weiteres professionelles Sinfonieorchester, das auch internationalen Anforderungen genügt? Als Kammerorchester erfreuen sich die Festival Strings Lucerne seit Jahrzehnten einer internationalen Reputation, auch wenn es zwischenzeitlich Schwächeperioden gab. Gilt das in Zukunft auch für ein sinfonisch erweitertes Orchester? Das Konzert, das die «Strings» am Mittwochabend im KKL vor gewohnter Publikumskulisse Parterre und erster Rang sehr gut besetzt – boten, glich mit einer kleinen Sinfonie als Ouvertüre, einem Konzert mit einem Topsolisten und einer wahrhaft olympischen Sinfonie haargenau dem traditionellen Schema eines Sinfoniekonzerts. Möglich machte dies, weil sich die Festival Strings mit je zwei Flöten, Oboen, Fagotten, Hörnern, Trompeten und Pauken verstärkten, die zur Streicher-Stammbesetzung (sechs erste, fünf zweite Violinen, vier Bratschen, drei Celli und zwei Kontrabässe) hinzukamen.

«Jupiter»-Sinfonie als Krönung

Wer hätte gedacht, dass die Festival Strings einst die Sinfonie Nr. 41 C-Dur KV 551 von Wolfgang Amadeus Mozart, besser bekannt unter dem Namen «Jupiter», spielen würden und dies erst noch ohne Dirigent, «nur» vom ersten Pult aus mit dem Konzertmeister und künstlerischen Leiter Daniel Dodds! Da konnte man schon gewisse Bedenken hegen und sich fragen, ob das Orchester in dieser Besetzung im weiten Raum des Konzertsaals der klanglichen Pracht und Bravour dieses grossartigen Werks genügen würde? Solche Bedenken wurden indessen im Laufe der Aufführung weitgehend zerstreut. Mehr noch: Man erlebte eine Aufführung, die durchaus auf dem Hintergrund der heutigen Kenntnis historischer Aufführungspraxis entstand. Darauf deuteten nicht nur die teilweise Verwendung von historischen Instrumenten (die schon durch ihre Länge und Schlankheit auffallenden Trompeten) und der Holzschlegel anstelle der gepolsterten Paukenschlegel, sondern auch der sparsame Einsatz des Vibratos.

Hochklassige Solodarbietung

Vor allem aber fiel auf, dass die Wiedergabe an klanglichem Aplomb nichts zu wünschen übrig liess und dennoch durchsichtig auch bei der stärksten Kraftentfaltung blieb. Dabei betonten die «Strings» nicht wie Harnoncourt bei seiner jüngsten CD-Aufnahme, bei der er ebenfalls ein Kammerorchester verwendete (sein Collegium Musicum mit historischen Instrumenten), allzu einseitig das Schroffe, Raue, sondern setzten ihren nach wie vor kultivierten Streicherklang ein für den lyrischen Gegenpol zum Ruppigen. So kam die Wiedergabe in ihrer Ausgewogenheit eher der Aufnahme Claudio Abbados mit dem Orchestra Mozart nahe. In einem allerdings folgten die «Strings» ganz Harnoncourt: indem sie alle Wiederholungen konsequent ausführten und so der Grösse und den ausgewogenen Proportionen der gegen 40 Minuten dauernden Sinfonie vollauf gerecht wurden.

Schon bei den beiden Werken vor der Pause hatten sich die Festival Strings von ihrer sinfonischen Seite gezeigt: bei der Schweizer Sinfonie Nr. 9 von Felix Mendelssohn, indem sie wie bei ihrer viel gerühmten Gesamtaufnahme der 12 Streichersinfonien die zweite, erweiterte Fassung spielten, beim Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 a-Moll von Camille Saint-Saëns, indem sie, verstärkt durch Holz- und Blechbläser, dem hervorragenden französischen Cellisten Gautier Capuçon erfolgreich Paroli boten und aktiv mitgestalteten an der Entwicklung dieses bei uns zu Unrecht eher wenig gespielten Konzerts. Bestechend, wie differenziert und sonor dabei der Solist die Möglichkeiten zu virtuoser und melodischer Entfaltung auskostete.

In einem Interview hatte Capuçon einst gesagt, wie widerborstig und launisch das Instrument von Matteo Goffriler aus dem Jahre 1701 sei. In dieser Wiedergabe hatte er es voll im Griff und entlockte ihm einen unglaublich dunklen, sonoren und resonanzstarken Ton, der aber auch eine unglaubliche Zärtlichkeit und Innigkeit annehmen konnte.

FRITZ SCHAUB, kultur@luzernerzeitung.ch

 

 

Neue Luzerner Zeitung | 08.09.2014

Luzerns erstes Mozart-Orchester

FESTIVAL STRINGS LUCERNE

 

Mit «Schnuuf und Pfupf» brachte Stadtrat Martin Merki gestern das Thema des Lucerne Festival im Grusswort zum traditionellen «Nachmittagskonzert» auf den Punkt. Denn das griechische Wort «Psyche» meine die «Lebendigkeit», die aus dem «Atem» kommt.

Merkis Kurzformel war gleichsam das Losungswort auch für dieses Konzert der Festival Strings Lucerne, obwohl man das zu Beginn nicht erwartete. Da schaltete Moderatorin Elsbeth Balmer in ihren Fakteninformationen einen Gang zurück. Und die Suite aus Lullys Barockoper «Psyche» war so entspannt musiziert, wie man sich das von einem Anlass erwartet, der älteren Menschen eine vergnügliche Klassikstunde im KKL- Konzertsaal bietet.

Mit den Solisten zum Höhepunkt

Aber mit Antonio Rosettis Doppelhornkonzert kamen die Festival Strings unter Konzertmeister Daniel Dodds in die Gänge. Die Geigen sprühten vital, die Bässe sorgten für Drive, die «Romance» verströmte kantablen Schmelz. Zu verdanken war das auch den vorzüglichen Solisten dem Innerschweizer Ivo Gass und seinem Tonhalle-Kollegen Robert Teutscher. Da war sie ein erstes Mal da, die Verbindung von «Pfupf und Schnuuf», in der Spannung zwischen dem weiten Atem der Hornkantilenen und dem Jagdinstinkt des Finales.

Aber selbst das war noch nicht der Höhepunkt. Sogar Balmer redete sich in eine Art Begeisterung hinein, als sie aktuelle Erfolge der Strings aufzählte mit ihrer Mozart-CD (Violinkonzerte mit Arabella Steinbacher) und prominenten Tourneen. Und dann wurden die hochgesteckten Erwartungen mit vermeintlich leichtgewichtigen Frühwerken exemplarisch eingelöst.

Im Divertimento KV 137 verband sich ungestümer Elan mit einem filigranen Klangbild zu einer vielgestaltigen, auch mal sich kurzatmig ereifernden Klangrede. Handfest greifbar wurde diese (mit den Solisten unter den Bläsern) in Instrumentalsätzen zur Oper «La finta giardiniera». Da mischten sich wie auf einer Bühne ins Tänzeln der ersten Geigen die Seufzer der zweiten Geigen von rechts vor der erregten Kulisse der Bratschen im Hintergrund. Das war beste Werbung für die Mozart-Gala des Ensembles. Denn wenn das Luzerner Sinfonieorchester ein Beethoven-Orchester ist, wie dessen Intendant einmal sagte, dann sind die Strings das Mozart-Orchester Luzerns.

URS MATTENBERGER, urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

 

 

Neue Luzerner Zeitung | 17.06.2014

Starkes Heimspiel der Botschafter Luzerns

KKL Sprühendes Musizieren mit der Stargeigerin Arabella Steinbacher: Die Festival Strings beenden mit einem Glanzlicht eine Erfolgssaison.

 

Während das renommierte Luzerner Kammerorchester Festival Strings wegen der Neuverteilung der Subventionen prekäre Zeiten durchmacht, reitet es künstlerisch auf einer Erfolgswelle. Davon zeugen die erfolgreichen Auftritte bei den Tourneen und die Konzertübertragungen und Dokumentationen in Radio und Fernsehen.

Es liegt am System dieses 1956 von Rudolf Baumgartner und Wolfgang Schneiderhan gegründeten Orchesters, dass es die Mehrzahl seiner Auftritte auf Ausland-Tourneen bis nach Südamerika, China und Russland absolviert und damit bis heute als Botschafter der Musikstadt Luzern wirkt.

47 000 Konzertbesucher

Die Bilanz des letzten Jahres darf sich sehen lassen: Von den 38 Konzerten fanden 25 im Ausland statt. 47 000 Besucher, 10 000 davon in der Schweiz, hörten die Konzerte, wobei Luzern mit 8200 den Löwenanteil ausmacht. In der Sonntagsmatinee konnte man wieder eines der Konzerte in der Heimatstadt erleben, diesmal mit der deutsch-japanischen Geigerin Arabella Steinbacher.

Aufgemischte Mozart-Tradition

Dass das Orchester regelmässig mit internationalen Grössen auftritt und auch auf dem Plattenmarkt wieder präsent ist, ist ein untrügliches Zeichen für den wiedergewonnenen internationalen Stellenwert. Diese Zusammenarbeit mit hochgradigen Solisten verleiht auch dem Orchester neue Impulse. Beispielhaft erlebte man das im ersten, ganz Mozart gewidmeten Teil des Konzertes mit Arabella Steinbacher.

Mozart-Glück pur bescherte schon das Divertimento D-Dur KV 136, das in die frühe Salzburger Zeit fällt und eigentlich ein (sinfonisches) Streichquartett ist. Auch mit einer 20-köpfigen Streicherbesetzung klang diese unterhaltsame Spielmusik kammermusikalisch und durchsichtig. Die Strings spielten wie aus einem Guss, angriffig und doch flüssig, geschmeidig und doch mit einem Drive, der sich vom Konzertmeister Daniel Dodds auf das gesamte Orchester übertrug.

Lebendige Klassiker

Arabella Steinbacher, die das Violinkonzert Nr. 4 KV 218 zusammen mit den Festival Strings soeben mit zwei anderen Mozart-Konzerten auf einer CD eingespielt hat, glänzte durch plastische Gestaltung auch in hohen Lagen, durch einen zugespitzten Klang und durch Spritzigkeit bei den spielerisch-virtuosen Elementen.

Mit einer mit kernigem Ton gespielten Prokofiew-Zugabe leitete Steinbacher direkt über zum zweiten Teil, in dem die Strings Klassiker des 20. Jahrhunderts spielten, die nicht zum Stammrepertoire des Orchesters gehören. Sie warfen unweigerlich die Frage auf, ob sie ohne Dirigenten gemeistert werden könnten. Sie darf bejaht werden, wieder dank der sicheren Führung vom ersten Pult aus und dem Schneid, der in den beiden rhythmisch geprägten Stücken das ganze Orchester mitzog. Das galt namentlich für das 1937 entstandene, am Stil der Brandenburgischen Konzerte von Bach orientierte Concerto in Es «Dumbarton Oaks» von Igor Strawinsky.

Prominente Bläser

Hier traten die Bläser Ivo Gass und Robert Teutsch (beide Horn), Rui Lopes (Fagott), Dimitri Ashkenazy (Klarinette) sowie Christian Delafontaine (Flöte) einem reduzierten Streicherapparat gegenüber und entwickelten in der idealen Balance mit dem Streicherapparat ein lebendiges, abwechslungsreiches und farbiges Spiel.

Aus dem üblichen Rahmen fiel auch das fast zur gleichen Zeit im Auftrag Paul Sachers im schönen Saanen komponierte Divertimento von Béla Bartók, in dem die Streicher wieder ganz unter sich waren. Aus der Gegenüberstellung von Soli und Tutti ergab sich auch hier ein Konzertieren auf hohem Niveau, wobei trotz des Divertimento- Charakters auch düstere Töne und beklemmende Steigerungen zu ihrem Recht kamen. Die Festival Strings bedankten sich für den reichen Applaus mit einem fein differenziert vorgetragenen Satz aus einem weiteren Mozart-Divertimento.

FRITZ SCHAUB, kultur@luzernerzeitung.ch

 

 

Neue Luzerner Zeitung | 10.06.2013

«Ich war eben ein Sturkopf»

Er hat Erfolg als Solist und künstlerischer Leiter der Festivals Strings Lucerne. Daniel Dodds ist ein Geiger, der sich durchsetzen kann.

«Wir essen, proben und streiten zusammen.»
DANIEL DODDS, MUSIKER

 

Die Zeit für unser Gespräch muss Daniel Dodds (41) in seinen vollen Terminkalender hineinquetschen. Eben kommt er aus Irland zurück, wo er zusammen mit Stimmführern der Festival Strings Lucerne am Lismore Music Festival teilgenommen hat. Sie haben eine Aufführung von «Figaros Hochzeit» von Mozart begleitet. «Dafür haben wir die ganze Woche in Lismore geprobt. Die Vorstellungen waren am Samstag und Sonntag. Dazwischen gaben wir noch ein Konzert in der Kathedrale von Lismore.» Jetzt sind wieder Proben angesagt, auch für das Konzert vom nächsten Sonntag. In einer Matinee geben die Festival Strings, die der Geiger Daniel Dodds seit dieser Saison künstlerisch leitet, ein «russisches Konzert» mit dem Geigenvirtuosen Renaud Capuçon als Gast. «Am selben Abend fliegt das ganze Orchester nach Santiago de Chile, wo wir am nächsten Tag bereits ein Konzert geben. Danach touren wir zwei Wochen durch Südamerika: Chile, Peru, Argentinien und Kolumbien.»

Fit dank Taekwondo

Reisestress ist für Daniel Dodds und die 16 «Strings» ein gewohnter Begleiter, da das Kammerorchester nicht fest an ein Haus gebunden ist. «Luzern ist jedoch unsere Heimbasis und der Ort, wo wir mental verankert sind», betont Daniel Dodds. Sie geben regelmässig Konzerte im KKL, und auch am Lucerne Festival bestreiten sie jeweils ein «Heimspiel». Häufig sind sie unterwegs. Über 20 Auftritte haben die Festival Strings seit Januar hinter sich, insgesamt werden sie im ganzen Jahr vor rund 45 000 Zuhörern gespielt haben - auf drei verschiedenen Kontinenten. «Ich habe gelernt, mit den langen Flügen und den kurzen Nächten umzugehen.» Die nötige Kondition holt sich der Geiger beim Taekwondo, einem koreanischen Kampfsport. «Eine gute körperliche Verfassung ist eine wichtige Voraussetzung für einen guten Auftritt auf der Bühne», erklärt Dodds, der allerdings einräumt, dass er nicht zu den fleissigsten Schülern im Dojo gehöre und «nur» den grünen Gürtel vorweisen könne.

Weit fleissiger war Daniel Dodds im Geigenunterricht, mit dem er als Fünfjähriger anfing. «Meine erste Lehrerin war sehr fordernd, verlangte Disziplin und Einsatz.» Tägliches Üben war selbstverständlich, «da blieb wenig Zeit für Fussball, Leichtathletik und Kricket.» Kricket? In Australien ein Nationalsport. Im australischen Adelaide ist Daniel Dodds 1971 geboren, dort ist er auch aufgewachsen. Mit siebzehn hat er die Schule abgeschlossen und sein Geigenstudium in Luzern begonnen.

Ausgerechnet Luzern

Dass es den hoch begabten Violinisten nach Luzern zog, hat mit der ersten Geigenlehrerin zu tun. Sie war die Mutter des Geigers Gunars Larsens, dem langjährigen Konzertmeister der Festival Strings Lucerne und Lehrer am Luzerner Konservatorium. Dodds ist in den Sommerferien des letzten Schuljahrs nach Luzern gereist und hat bei Larsens zwei Monate Unterricht gehabt. Dies festigte Dodds Entschluss, in Luzern zu studieren. Warum nicht in London, Paris oder New York? Genügend Talent und ausreichend Stipendien hätte er gehabt. «Für mich war nur der Lehrer wichtig, nicht der klingende Namen einer Stadt. Ich war ein Sturkopf, es war mir egal, was die anderen sagten. Später habe ich dann erfahren, dass in Luzern auch absolute Titanen der klassischen Musik unterrichtet haben. Für einen so kleinen Ort ist das sehr beachtlich», erklärt Daniel Dodds, der seinen Entscheid nie bereut und in Luzern sämtliche Diplome mit Auszeichnung abgeschlossen hat.

Schnell fand Daniel Dodds Aufnahme bei den Festival Strings. 2008 berief ihn Claudio Abbado auch ins Lucerne Festival Orchestra. Seit Anfang Saison hat Daniel Dodds als künstlerischer Leiter der Strings mehr Verantwortung übernommen. Er muss sich um Engagements, Programme, Gagen und Terminpläne kümmern. Die wichtigen Entscheide werden im 16-köpfigen Orchester gemeinsam gefällt. «Wir leben, essen, proben und streiten zusammen», umschreibt er die Zusammenarbeit. Wie gut das funktioniert, kann man in den Konzerten hören. Das Ensemble hat neues Selbstvertrauen gewonnen und an Qualität zugelegt. «Qualität ist wichtig», meint Daniel Dodds, «doch muss sie mit einem Grinsen und nicht mit Grimasse geboten werden.»

Auch als Solist ist Dodds gefragt und hat eine eigene CD («Times Transcending») auf dem Markt. «Ich habe darauf die 8000er der Geigenliteratur eingespielt» meint Dodds, der zwar gerne wandert, aber dem Klettern sonst wenig abgewinnen kann. Er werde vielleicht mit seinen Kindern in die Berge steigen, doch dies dauert noch eine Weile, seine Tochter ist acht, der Sohn erst fünf. Bis dann dürfte auch seine zweite Solo-CD erschienen sein.

KURT BECK, kurt.beck@luzernerzeitung.ch

 

 

Neue Luzerner Zeitung | 21.01.2013

Ein Dream-Team für die Strings

Mit Gastsolist Daniel Hope gehen die Festival Strings neue Wege und halten doch an Altem fest.
Das zeigte das erste Konzert mit dem Stargeiger. 

Der Auftritt erinnerte bezüglich Besetzung und Programm durchaus an die Anfänge des Ensembles: Erstmals konzertierten die Festival Strings Lucerne unter neuer Doppelführung mit Konzertmeister Daniel Dodds und Geiger Daniel Hope als «Principal Guest Artist» wie einst die Gründerväter Rudolf Baumgartner und Wolfgang Schneiderhan vor bald sechs Jahrzehnten. Dazu besann man sich mit Bach und ausladender Streicherromantik auf das bereits damals bevorzugte Repertoire. Es scheint, dass sich die Neuausrichtung der Strings auch bewährter Ressourcen bedienen will.

Erfrischender Auftritt

Zu Recht, denn das Gebotene am Samstag im KKL-Konzertsaal war in allen Belangen überzeugend, zumal mit Hope ein zwar äusserst prominenter, aber ebenso ensembledienlicher Solist berufen wurde. Das zeigte sich alleine schon in der erfrischenden Präsenz des Engländers, der es sich nicht nehmen liess, einige Worte ans Publikum zu richten. Und vorzüglich war vor allem sein Spiel in Bachs a-Moll-Violinkonzert, in dem er bedacht zwischen den Solo-Episoden und Tutti-Ritornellen changierte, Letztere gerade in den Ecksätzen konsequent vorantrieb, bisweilen im Tempo etwas gar forcierte, jedoch nie an virtuoser Geschmeidigkeit einbüsste.

Herrlich dazwischen der klangliche Kontrast im langsamen Satz: Nun holte Hope über dem Ostinato der Basso-continuo-Gruppe, die auf Anregung des Solisten nebst dem Cembalo mit einer Theorbe ergänzt wurde, zu fast schon improvisatorischen Kantilenen aus,vertraute, wie angekündigt, ganz auf die Leuchtkraft seines Guarneri-Instruments (siehe Interview in der Ausgabe vom letzten Donnerstag). Das schuf eine kammermusikalische Intimität, die der Mittelsatz im nachfolgenden fünften Brandenburgischen Konzert in der Art der Triosonate noch mehr zu verinnerlichen wusste.

Hier waren die Flötistin Christina Fassbender und der Cembalist Vital Julian Frey die vorzüglichen Partner des Geigers, der unprätentiös und ausgewogen in den imitatorischen Dialog der drei Solostimmen trat. Ohnehin gehört die Aufmerksamkeit gerade im Kopfsatz des Konzerts, das im Grunde ein Cembalokonzert ist, alleine dem Cembalo: Der weitverzweigte thematische Fortgang mündet in eine ausgeschriebene Solokadenz, der sich Frey mit jener Berauschung annahm, die diese in ihrer toccatenhaften Anlage bedingungslos verlangt. Dabei wurde auch das Problem der heiklen akustischen Balance, die der exponierte Einsatz des leisen Instruments mit sich bringt, zumindest für das vordere Parkett vorteilhaft gelöst, das Streichorchester, von Bach sowieso nur mit ersten Geigen und Bratschen besetzt, bewusst reduziert.

Glückliche Wahl

Die Wahl Hopes als Gastkünstler der Festival Strings, der ein nächstes Mal im Sommer mit dem Ensemble auftreten wird, bestätigte sich somit als besonders glückliche. Das offenbarte nach dem ersten gemeinsamen Engagement auch das Einvernehmen des Solisten mit Konzertmeister Dodds. Der musikalische Anspruch der beiden scheint ein ähnlicher zu sein, obschon Bach deutlich Hopes Handschrift trug. Dafür entpuppte sich Dodds eingangs bei Josef Suks Choralmeditation op. 35a und noch ausgeprägter dann bei Dvoráks Serenade op. 22 einmal mehr als Verfechter eines agilen und vielschichtigen Streicherklangs, der den Festival Strings ungemein gut bekommt. Was er bei Dvorák vom ersten Pult aus leistete, war schlicht grossartig und fand in der Summe dieses Stücks an melodischer Intensität, sinnlichem Timbre und musikantischer Vitalität eine beispielhafte Wiedergabe.

DAVID KOCH, kultur@luzernerzeitung.ch

 

 

Neue Luzerner Zeitung | 17.01.2013

«Ich vertraue ganz auf meine Geige»

Daniel Hope gibt den Festival Strings Lucerne spannende Zukunfts- perspektiven. Der Geiger äussert sich dazu vor seinem ersten Auftritt als Principal Guest Artist.

 

«Spontaneität oder Freude kann man nicht inszenieren.» DANIEL HOPE, GEIGER

Der Engländer Daniel Hope (38) hat sich in einem breiten Stilspektrum vom Barock bis zu Moderne und Crossover (mit Sting) profiliert und gehört damit zu den wichtigsten Geigern seiner Generation. Er vermittelt Musik aber auch vielfältig durch sein Engagement für soziale Institutionen, Bücher, die humorvoll Einblicke in den Musikbetrieb geben, oder als TV-Moderator. Seit diesem Jahr ist Hope «Principal Guest Artist» der Festival Strings Lucerne.

Daniel Hope, Ihre vielfältigen Tätigkeiten weisen Sie als lockeren Kommunikator aus. Aber in Konzerten ist davon wenig zu sehen. Kann man diese Lockerheit nicht ins traditionelle Konzertritual hineinbringen?

Daniel Hope: Ich denke, wenn man als Musiker auf der Bühne spielt, kann man das schon auch vermitteln, aber am besten geht das über die Musik selber. Jeder Mensch hat ja seine bestimmte Art, zu kommunizieren. Das gilt auch für Musiker auf der Bühne. Und wenn man da mit tollen Kollegen zusammenspielt, wie ich das jetzt mit Daniel Dodds und den Festival Strings Lucerne tun darf, kann der berühmte Funke rüberspringen. Da ist eine Frische und Spontaneität drin, die auch das Publikum spüren kann.

Inszenieren kann man diese Frische nicht, etwa mit neuen Konzertformaten, nach denen Veranstalter suchen?

Hope: Nein. Freude oder gar Spontaneität kann man nicht inszenieren. Dann wirkt sie künstlich. Wir müssen uns umgekehrt der Musik unterordnen. In ihr selber ist ja all das, die Frische, die Gefühle, die Dramatik, drin.

Trotzdem bieten Sie Einstiegshilfen, wenn Sie als Autor Musikeranekdoten erzählen. Braucht die Klassik vermehrt Einstiegshilfen?

Hope: Ja, in diesem Punkt hat sich die Situation gewandelt. Zu sagen, die Klassik sei in einer Krise, finde ich zwar falsch. Aber weil vielerorts der Musikunterricht und die Vermittlung klassischer Musik zurückgefahren werden, wächst eine Generation heran, die zum Teil überhaupt nie mit klassischer Musik in Berührung kam.

Solche Erstbegegnungen müssen vermehrt die Musiker selber initiieren?

Hope: Ja, und dafür kann man doch auch in den Konzerten selbst Einstiegshilfen bieten. In meinen Konzerten komme ich immer wieder mit Leuten in Kontakt, die erstmals ausprobieren wollten, ob klassische Musik für sie interessant wäre. Neben den Klassikliebhabern ist das heute ein wichtiger Teil des Publikums. Das ist auch ein Grund, weshalb ich praktisch in allen Konzerten den Besuchern etwas erzähle - zu den Stücken oder über mich selbst. Das ist für mich ein selbstverständlicher Teil des Kontakts zum Publikum, der auch beim Spielen das Entscheidende ist.

Wenn Sie Barockmusik spielen, klingt Ihre Geige wie ein Originalklang-Instrument. Wie weit bringen Sie das - jetzt mit konzertanten Werken von Bach - bei den Strings mit ein?

Hope: Ich bin da ganz undogmatisch und experimentiere mit allen möglichen Dingen. Manchmal nehme ich umwickelte Darmsaiten oder verwende einen leichten Barockbogen. Oder ich baue den Klang auf einem reich besetzten Continuo mit vielen Gitarren und Lauten auf. Aber seit ich - seit einem Jahr - eine «Guarneri del Jesu» spiele, vertraue ich auch einfach auf den wunderbaren Klang dieses Instruments. Man kann eben einen barocken Klang auch mit modernen Instrumenten erreichen, so wie die Musik von Bach im Grunde modern geblieben ist. Die berühmte Cembalo-Kadenz im fünften Brandenburgischen Konzert etwa ist in ihrem virtuosen Anspruch bis heute nicht übertroffen. Das ist wie das Doppelkonzert für zwei Violinen oder das a-Moll-Violinkonzert ein zeitloses Meisterwerk.

URS MATTENBERGER, urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

 

Neue Luzerner Zeitung, 16.11.2012

Die Strings mit Feuer und Leidenschaft

Zum ersten Mal ohne Dirigent: Die Lucerne Festival Strings begeistern im KKL mit gelebter Musizierlust.

Neue Saison - neuer Wind: Zum Auftakt ihrer Luzerner Konzertreihe treten die Festival Strings ohne Dirigent vor das Publikum. Unter der musikalischen Leitung ihres Stimmführers Daniel Dodds entfaltet sich am Mittwoch ein packender Konzertabend, der viele Genüsse bietet. Eine attraktive, am Publikum orientierte Stückwahl trifft auf begeistert und frei aufspielende Musiker.

So in der Sinfonie Nr. 40 von Wolfgang Amadeus Mozart, seiner wohl bekanntesten Komposition, deren seltsam bewegter, schaukelnder Einstieg bis heute keine Vergleiche hat. Die Festival Strings musizieren spannend, mit Feuer und Leidenschaft, ohne ins Kitschige zu überborden. Der tänzerische Gestus der kurzen Anfangsmelodie wird nahtlos und natürlich durchgezogen. Der Streichkörper klingt kompakt. Immer wieder treten auch die tieferen Register aus dem Gesamtklang heraus. Hervorragend ist der Bläsersatz. Von den Streichern erhält er viel Platz und Luft für seine Einwürfe. Nuanciert steuern die Holzinstrumentalisten ihren Klangreichtum. Im Zusammenspiel von Flöte und Fagott ergeben sich ein paar der herrlichsten Momente des Konzertabends. Obwohl, oder gerade weil Daniel Dodds im Konzert sehr zurückhaltend leitet, sind sämtliche Musiker aufs Äusserste gefordert. Das inspirierende Knistern, die gelebte Musizierlust zwischen den Registern ist genussreiches Produkt dieser Konstellation. Wieder einmal wird die lapidare Feststellung bestätigt, dass musikalische Meisterschaft vor allem auf dem Zuhören basiert.

Grosse Solistin

Die gleiche Intuition, Leidenschaft und Sensibilität zeigten die Musiker auch in der Begleitung der beiden Solowerke. Ein Feuerzauber ist das Konzert für drei Violinen von Johann Sebastian Bach. Fast atemlos jagen sich die drei Solisten Akiko Suwanai, Gergana Gergova und der Konzertmeister Daniel Dodds. Die Spielfreude und der Spass der Virtuosen sind mit den Händen greifbar und passen bestens zu diesem attraktiven, extrovertierten Stück. Akiko Suwanai interpretiert anschliessend das letzte Violinkonzert von Mozart. Technisch brillant ist sie eine kraftvolle Spielerin. Sie verfügt über einen auftrumpfenden Ton, der auch auf den Bogenenden kaum je ausdünnt, an der Grenze zur kantigen Gewichtigkeit, manchmal vermisst man eine gewisse Wärme. Dies ist vor allem deshalb interessant, weil sie auf der Stradivari «Dolphin» spielt, die zuvor dem Virtuosen Jascha Heifetz gehörte. Heifetz wird auf seinen Aufnahmen vor allem auch für seinen schwerelosen, schwebenden Ton bewundert. Suwanais unbedingte Gestaltungskraft und ihr satter Klang machen die Komposition zu einem üppigen Festgemälde.